Migräne-Ursachen: Der Stand der Wissenschaft

Mann lehnt seine Stirn an die Wand und fragt sich, was die Ursache für seine Migräne sein könnte.

Bereits in der Antike beschäftigten sich die Menschen mit Kopfschmerzen: In ihren Augen waren böse Geister für die Schmerzen verantwortlich, weshalb sie versuchten, diese durch in den Schädel gemeißelte Löcher zu vertreiben. Im 21. Jahrhundert ist man hier schon einen wesentlichen Schritt weiter: Vor allem in den letzten Jahrzehnten hat sich die Migräneforschung weiterentwickelt. Was die genauen Migräne-Ursachen betrifft, sind jedoch noch immer Fragen offen – wir stellen Ihnen verschiedene Erklärungsansätze dazu vor, wie Migräne entsteht.

Die Neigung zu Migräne ist erblich

Wissenschaftler gehen zum aktuellen Zeitpunkt davon aus, dass bei der Entstehung von Migräne mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Zum Beispiel gibt es eine genetische Neigung zur Erkrankung: Verwandte ersten Grades von Migränepatienten mit Aura haben ein 3,8-fach erhöhtes Risiko, selbst an Migräne zu erkranken.1 Sind Migränepatienten ohne Aura in der Familie, ist das Erkrankungsrisiko um das 1,9-fache erhöht.2

Wie entsteht Migräne? Botenstoff CGRP im Gespräch

Was die Ursache für Migräne angeht, steht seit einiger Zeit der Botenstoff Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) im Verdacht.3,4 CGRP befindet sich im gesamten Nervensystem, also auch in Gehirn und Rückenmark. Der Botenstoff besteht aus 37 Aminosäuren und bindet an spezielle Rezeptoren („Andockstellen“).5

Es gibt bestimmte anatomische Strukturen im Gehirn, die mit der Migräneentstehung in Verbindung stehen und in denen sich auch CGRP und CGRP-Rezeptoren befinden.6

In mehreren Studien kristallisierte sich heraus, dass CGRP für die Weiterleitung von Schmerzsignalen während einer Migräneattacke verantwortlich zu sein scheint. Wissenschaftler konnten bei Migränepatienten einen erhöhten CGRP-Spiegel beobachten, sobald sich eine Schmerzattacke anbahnte. Somit vermutet man, dass der Anstieg von CGRP eine ursächliche Rolle spielt.7 Im Rahmen weiterer Untersuchungen wurde Migränepatienten CGRP per Infusion verabreicht, woraufhin acht von neun Migräne-Betroffenen über migräneartige Kopfschmerzen (Schmerzstärke mäßig oder schwer) berichteten.8,9

Ebenfalls diskutiert als Ursache für Migräne: Überaktive Nervenzellen

Möglicherweise liegt der Migräne auch eine Überaktivität der Nervenzellen im Migränezentrum des Hirnstamms als Ursache zugrunde: Das Nervensystem und die Reizverarbeitung stehen bei Migränepatienten unter Hochspannung. Sie reagieren besonders sensibel auf Reize, vor allem, wenn sich diese plötzlich verändern, zum Beispiel bei

  • einem Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung (Woche/Wochenende) oder
  • in außergewöhnlichen psychischen Belastungssituationen (zum Beispiel Stress).

Die Überaktivität der Nerven veranlasst Fasern des Trigeminusnervs, des fünften von insgesamt zwölf Hirnnerven, dazu, Schmerzsignale an das Gehirn auszusenden. Die Reizung des Trigeminusnervs hat zur Folge, dass Entzündungsstoffe freigesetzt werden. In der Folge entzünden sich die Hirnhaut und die Blutgefäße, die in der Hirnhaut verlaufen. Dann kommt der Schmerz ins Spiel: Auf der Hirnhaut „sitzen“ Schmerzrezeptoren, die die Entzündung wahrnehmen und darauf reagieren. Das Pulsieren der Blutgefäße nimmt der Betroffene nun als typisch pochenden Migränekopfschmerz wahr.10

Noch gibt es keine allumfassende Erklärung, was die Ursachen der Migräne betrifft, die auch die Vielzahl an Ausprägungen und Symptomen der Erkrankung einschließt. In jedem Fall ist die Migräne aber eine Erkrankung, bei der mehrere Einflüsse zusammenwirken.

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1 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 68.

2 Ebd.

3 Russo AF. Calcitonin gene-related peptide (CGRP): a new target for migraine. Annu rev Pharmacol Toxicol. 2015; 55: 533-552.

4 MigräneLiga e.V. Deutschland. Abgerufen unter: https://www.migraeneliga.de/migraeneliga/aktuelles/455-botenstoff-cgrp-und-migraene.html (Stand: 15.12.2017).

5 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 71.

6 Göbel, Hartmut: Migräne: Diagnostik, Therapie, Prävention; 2012, Springer, Berlin [u.a.], S. 99.

7 Lassen LH, Haderslev PA, Jacobsen VB, Iversen HK, Sperling B, Olesen J. CGRP may play a causative role in migraine. Cephalalgia. 2002;22(1):54–61. Abgerufen unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11993614.

8 Lassen LH, Haderslev PA, Jacobsen VB, Iversen HK, Sperling B, Olesen J. CGRP may play a causative role in migraine. Cephalalgia. 2002;22(1):54–61. Abgerufen unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11993614.

9 Recober, Ana; Goadsby, Peter J. Calcitonin gene-related peptide (CGRP): a molecular link between obesity and migraine? Drug News Perspect. 2010 Mar;23(2):112-117. Abgerufen unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2947336/ (Stand: 15.11.2017).

10 Neurologen und Psychiater im Netz. Abgerufen unter: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/migraene/ursachen/ (Stand: 15.12.2017).