Migräne ohne Aura – mehr als nur Kopfschmerzen

Frau, die an Migräne ohne Aura leidet, versteckt sich unter ihrem Kopfkissen.

Die Angst vor der nächsten Attacke – damit müssen Migränepatienten ständig leben. Denn eine Migräne kann sehr plötzlich auftreten und Betroffene regelrecht aus dem Alltag reißen. Nur weil bei der Migräne ohne Aura die Phase mit Sehstörungen und anderen Aura-typischen Begleitsymptomen ausbleibt, ist der Verlauf nicht weniger schlimm. Wie äußert sich eine Migräne ohne Aura?

Was ist Migräne ohne Aura?

Die Migräne ohne Aura ist die häufigste Form der Migräne, schätzungsweise 80 bis 85 Prozent aller Migränekranken leiden darunter.1 Früher wurde der Migränetyp auch als „einfache Migräne“ bezeichnet.2 Dabei ist sie alles andere als einfach: Die Migräne ohne Aura ist eine neurologische Erkrankung, die gewöhnlich in wiederkehrenden Attacken auftritt, sich durch starke Kopfschmerzen äußert und mit begleitenden Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschüberempfindlichkeit einhergehen kann.

Im Vergleich zur Migräne mit Aura treten bei den Betroffenen jedoch keine neurologischen Störungen wie Sehprobleme oder Sprachschwierigkeiten vor der Kopfschmerzattacke auf. Dafür ist die durchschnittliche Anzahl der Attacken bei der Migräne ohne Aura höher als bei der Migräne mit Aura.3

Diagnose-Kriterien der Migräne ohne Aura

Die Diagnose der einfachen Migräne ist nicht immer leicht, weil die Erkrankung von anderen Kopfschmerzarten wie dem Spannungskopfschmerz abzugrenzen ist. Laut der Internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3 beta) dauert der Kopfschmerz bei Migräne ohne Aura zwischen 4 und 72 Stunden und muss mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen:

  • einseitige Lokalisation (Seitenwechsel während der Attacke möglich)
  • pulsierender Charakter
  • mittelstarke bis starke Intensität
  • Verschlimmerung bei körperlicher Betätigung (wie Treppensteigen)

Zusätzlich muss bei Migräne ohne Aura mindestens eines der folgenden Symptome vorhanden sein:

  • Übelkeit und/oder Erbrechen
  • Licht- und Geräuschüberempfindlichkeit4

Für viele Patienten ist vor allem helles Licht während einer Attacke (oder schon kurz vorher) unangenehm, weshalb sie sich in einen abgedunkelten Raum zurückziehen.5 Doch nicht nur Licht, sondern auch Geräusche (wie Musik) oder Gerüche (zum Beispiel Parfüm oder der Duft von Blumen) werden häufig als sehr störend empfunden.6

Ursachen und Auslöser der Migräne ohne Aura

Aber was genau sind die Ursachen der Migräneattacken? Diese Frage stellt Mediziner noch immer vor Rätsel, wenngleich es in den letzten Jahrzehnten zu Fortschritten in diesem Bereich kam. Neben genetischen Faktoren als Ursache vermuten Mediziner, dass die Nervenerregbarkeit der Nervenfasern in der Hirnrinde gestört ist. Ausgehend vom Trigeminusnerv breitet sich eine Erregungswelle auf verschiedene Hirnregionen aus. Dabei soll vor allem der Botenstoff Serotonin vermehrt freigesetzt werden. In der Folge werden Gefäßwände durchlässiger und an den Blutgefäßen entstehen schmerzhafte Entzündungen7

Außerdem wird dem Botenstoff Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) eine zentrale Rolle für die Ursache der Migräne zugeschrieben. Denn der Botenstoff, von dem ausgegangen wird, dass er Schmerzsignale weiterleiten kann, konnte bei Patienten mit Migräne in erhöhtem Maße festgestellt werden.8 Studien konnten belegen, dass die CGRP-Spiegel bei Patienten mit Migräne nicht nur während einer akuten Attacke erhöht sind, sondern auch zwischen zwei Attacken in einem beschwerdefreien Intervall.9

Fest steht mittlerweile auch, dass verschiedene Auslöser (sogenannte „Trigger“) eine akute Migräneattacke hervorrufen können. Beispiele für diese individuell sehr unterschiedlichen Faktoren sind Stress, helles oder flackerndes Licht sowie bestimmte Gerüche. Außerdem wurde bei Frauen ein enger Zusammenhang zwischen der Menstruation und der Migräne ohne Aura beobachtet.10

Mit Migräne ohne Aura leben

Die Migräne ohne Aura ist bisher nicht heilbar. Jedoch gibt es einige Möglichkeiten, um den Verlauf positiv zu beeinflussen oder Attacken vorzubeugen.
Kündigt sich eine Migräneattacke an, sollten Sie beispielsweise zügig einen ruhigen Rückzugsort aufsuchen. Die zeitnahe Einnahme eines Schmerzmittels oder – bei starker Migräne – von Triptanen kann das Ausmaß der Schmerzen reduzieren. Aber Vorsicht: Ein Übergebrauch von Schmerzmitteln kann neben anderen Nebenwirkungen zu Dauerkopfschmerzen führen. Verwenden Sie die Medikamente deshalb nur in Absprache mit Ihrem Arzt. Er kann Sie auch bezüglich Arzneimitteln gegen Begleitsymptome wie Übelkeit beraten.

Zudem können Sie selbst einiges tun, um einer Migräne mit oder ohne Aura vorzubeugen. Besonders wichtig ist es, die persönlichen Triggerfaktoren im Alltag zu kennen und zu meiden. Ein Migränetagebuch kann dabei helfen, die Auslöser herauszufinden. Achten Sie außerdem auf einen geregelten Tagesablauf und minimieren Sie Ihre Stressbelastung im Alltag. Dabei können regelmäßige Entspannungsübungen wie die progressive Muskelentspannung helfen.
Außerdem kann die Häufigkeit der von Migräneattacken durch Medikamente reduziert werden. Besprechen Sie die vorbeugende Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln jedoch unbedingt mit ihrem Arzt. Im Artikel Migräneprophylaxe finden Sie weitere Informationen zu medikamentösen und nicht-medikamentösen Vorbeugemaßnahmen.

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1 Limmroth V. et al. (2011): Kopfschmerzen. In: Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie, 3. Aufl., Heidelberg: Springer, S. 647-686.

2 IHS Classification ICHD-II: Migräne ohne Aura. Abgerufen unter: http://www.ihs-klassifikation.de/de/02_klassifikation/02_teil1/01.01.00_migraine.html (Stand: 08.12.2017).

3 Göbel, H. (2012): Diagnostik-Therapie-Prävention. Heidelberg: Springer, S. 19.

4 IHS Classification ICHD-3 beta. Abgerufen unter: https://www.ichd-3.org/1-migraine/1-1-migraine-without-aura/ (Stand: 11.10.2017).

5 Maniyar F.H. et al. (2014): Photic hypersensitivity in the premonitory phase of migraine--a positron emission tomography study. In; Euro J Neuro ,21, (9); S. 1178-1183.

6 Göbel, H. (2004): Die Kopfschmerzen: Ursachen, Mechanismen, Diagnostik und Therapie in der Praxis. (2. Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer S. 50.

7 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 68.

8 Lassen et al. CGRP may play a causative role in migraine. Cephalalgie. 2002 Feb, 22(1): 54-61.

9 Gaul C. et al. Pathophysiologie von Kopfschmerzerkrankungen. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2017; 142: 402–408.

10 Göbel, H. (2012): Diagnostik-Therapie-Prävention. Berlin, Heidelberg: Springer, S. 19-21.