Migräne oder andere Kopfschmerzen? Die Unterschiede

Eine Patientin versucht, sich während der Massage  zu entspannen und Migräne oder Kopfschmerzen kurz zu vergessen.

Im Laufe ihres Lebens leiden 71 Prozent der Deutschen zumindest zeitweise an Kopfschmerzen, die an den Kräften zehren und den Alltag der Betroffenen teils einschränken.1 Darin eingeschlossen sind jedoch alle möglichen Formen von Kopfschmerzerkrankungen. Viele Menschen wissen zum Beispiel gar nicht, dass ihre Beschwerden von einer Migräne und nicht von einer anderen Kopfschmerzart, zum Beispiel dem Spannungskopfschmerz, herrühren. Was unterscheidet Migräne von anderen Kopfschmerzen?

Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp – ein kurzer Vergleich

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist der häufigste primäre Kopfschmerz, der somit nicht die Folge einer anderen Erkrankung ist.  Bei dieser Kopfschmerzform tritt der Schmerz in beiden Kopfseiten auf und ist dumpf-drückend oder ziehend, während sich der Schmerz bei Migräne meist auf eine Kopfseite konzentriert und sich eher als pochend und pulsierend beschreiben lässt. Begleitsymptome wie Übelkeit und Erbrechen sind beim Spannungskopfschmerz untypisch.

Kopfschmerzarten: sehr vielschichtig

Warum ist es so schwierig, die Kopfschmerzarten zu unterscheiden?

  • Kopfschmerzarten gibt es viele: Die Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet über 240 verschiedene Kopfschmerzarten, bei denen – wie auch bei Migräne – der Kopfschmerz selbst die Erkrankung darstellt.3
  • Kopfschmerzarten sind wandelbar: Die Schmerzhäufigkeit kann sich bei ein und demselben Patienten mit den Jahren verändern und beispielsweise von der episodischen Migräne in die chronische Migräne oder vom episodischen in den chronischen Kopfschmerz vom Spannungstyp übergehen. Manchmal sind es bestimmte Lebensabschnitte, in denen eine neue Entwicklung des bisherigen Krankheitsverlaufs spürbar wird. Beispielsweise neben bei 47 Prozent der Migränepatientinnen die Beschwerden während der Wechseljahre zu.4
  • Migräneartiger Kopfschmerz: Kopfschmerzen können in zwei Kategorien gleichzeitig passen. Es gibt Patienten, bei denen sich die Symptomatik nicht zweifelsfrei in ein „Entweder-oder-Schema" einordnen lässt.5 Noch fehlt eine eigene Kategorie für diesen Mischtyp – den migräneartigen Kopfschmerz, bei dem sich Kopfschmerzen und Migräne abwechseln. Je nachdem, welche Kopfschmerzart zum Zeitpunkt des Arztgespräches überwiegt, erfolgt entsprechend die diagnostische Zuordnung.

Nicht zu vergessen sind zudem die vielschichtigen Ursachen für häufige Kopfschmerzen: So wie es für häufige Kopfschmerzen vom Spannungstyp mehrere Ursachen gibt (wie Verspannungen, Fehlhaltungen oder Flüssigkeitsmangel), wird auch die Migräne von vielen auslösenden Faktoren wie bestimmten Nahrungsmitteln oder Hormonschwankungen beeinflusst.

Migräne oder andere Kopfschmerzen: Der Unterschied ist wichtig für die Behandlung

Für den Arzt ist es enorm wichtig, zu unterscheiden beziehungsweise festzustellen,

  • ob generell eine Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp vorliegt,
  • ob sich die Schmerzen bereits chronifiziert haben, also der Patient unter einer chronischen Migräne oder chronischen Kopfschmerzen vom Spannungstyp leidet,

um eine zielführende Behandlung einleiten zu können. Eine große Hilfe ist es ihm dabei, wenn der Patient bereits seit mindestens vier bis sechs Wochen ein Migräne- oder Kopfschmerztagebuch führt und dieses zum Arztgespräch mitbringt.

Hinweise auf eine Migräne

Wann sind die – oft häufigen – Kopfschmerzen tatsächlich eine Migräne? Die Kopfschmerzen, eines der Hauptsymptome aus dem großen Sammelsurium an möglichen Migränesymptomen, können bei jedem Betroffenen in unterschiedlicher Stärke vorkommen. Die Stärke der Kopfschmerzen sagt also nicht zwangsläufig etwas über die Kopfschmerzart aus. Generell liegt bei Migräne aber eine Kombination folgender Beschwerden vor:

  • Kopfschmerzen: häufig einseitig (ein Drittel der Patienten hat jedoch Schmerzen, die den ganzen Kopf betreffen6), pulsierend-pochend, verstärken sich bei körperlicher Anstrengung und bei Routineaktivitäten wie Treppensteigen, Dauer zwischen 4 und 72 Stunden
  • Störungen im Verdauungstrakt: Übelkeit (dadurch Appetitlosigkeit), Erbrechen, Durchfall
  • Sinneswahrnehmungen: Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm oder bestimmten Gerüchen, visuelle Störungen wie Lichtblitze bei Migräne mit Aura
  • Sensibilitätsstörungen: zum Beispiel Kribbeln und/oder Taubheit in den Armen oder im Gesicht
  • Ruhe- und Rückzugsbedürfnis: unter anderem aufgrund der Schmerzverstärkung bei Bewegung und der Überempfindlichkeitsreaktionen

Treten Begleitsymptome wie Übelkeit und Erbrechen auf, verschlimmert sich der Schmerz bei körperlicher Betätigung und berichtet der Patient von mindestens fünf erlebten Schmerzanfällen mit einer Dauer von 4 bis 72 Stunden sowie von Schmerzfreiheit zwischen den einzelnen Migräneattacken, sind dies für den Arzt Hinweise, die auf die Diagnose Migräne (mit oder ohne Aura) schließen lassen.

Eigenschaften, die nicht für Migräne sprechen

Im Gegenzug gibt es natürlich auch Anzeichen, die nicht auf eine Migräne, sondern auf eine andere Art von Kopfschmerzen hindeuten, zum Beispiel:

  • mäßig bis mittelstarke Kopfschmerzen, die dumpf statt pochend sind
  • der Schmerz wird bei körperlicher Aktivität nicht schlimmer und kann sich sogar verbessern
  • Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- oder Geräuschüberempfindlichkeit fehlen

Konzentrieren sich die Schmerzattacken auf den Bereich hinter dem Auge – Patienten beschreiben den Kopfschmerz als glühendes Messer, das durch das Auge fährt7 –, deutet das eher auf Clusterkopfschmerzen als auf Migräne hin.

Starke Kopfschmerzen – automatisch eine Migräne?

Diese Frage lässt sich mit „Nein“ beantworten: Sind die Schmerzen sehr stark und treten sie sehr plötzlich auf, kann es ein fataler Irrtum sein, auf Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp zu schließen. Heftigster, so noch nie dagewesener Kopfschmerz ist ein Warnsymptom für ernst zu nehmende Erkrankungen wie eine Hirnblutung, bei der bis zur Behandlung keine wertvolle Zeit verloren gehen sollte. Begeben Sie sich bitte sofort in ärztliche Behandlung.

Migräne oder andere Kopfschmerzen – für die Medikamentenwahl ein wichtiger Unterschied

Eine Fehldiagnose, was den Unterschied zwischen Migräne und Kopfschmerzen vom Spannungstyp betrifft, kann außerdem zu einer Einnahme von ungeeigneten Medikamenten führen. Bleibt beispielsweise unerkannt, dass nicht nur Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich oder zu lange Bildschirmarbeit für die starken Kopfschmerzen verantwortlich sind, sondern dass eine ausgeprägte Migräne dahintersteckt, wird der Patient womöglich falsch behandelt. Versuchen die Patienten dann auch noch, sich im Alleingang mit Akutschmerzmitteln selbst zu therapieren, besteht die Gefahr, dass die Beschwerden bei zu häufiger Einnahme (Schmerzmittelübergebrauch) sogar noch schlimmer werden.

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1 Göbel, Hartmut: Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne, Berlin [u.a.], 82016.

2 IHS Classification ICHD-II: Kopfschmerz vom Spannungstyp; Abgerufen unter: http://www.ihs-klassifikation.de/de/02_klassifikation/02_teil1/02.00.00_tension.html (Stand: 16.11.2017).

3 Nobis, Hans-Günter: Schmerz – eine Herausforderung. 22016, Springer, Berlin [u.a.], S. 22.

4 Schmerzklinik Kiel. Abgerufen unter: https://migraine-app.schmerzklinik.de/migraene-wissen/hormonell-bedingte-migraene/ (Stand: 16.10.2017).

5 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 201

6 Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Therapie der Migräne (Leitlinie); Abgerufen unter: https://www.dgn.org/leitlinien/2298-ll-55-2012-therapie-der-migraene, Stand: 16.11.2017

7 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 100