Kontrolle über den Schmerz mit Biofeedback: Migräne ade?

Biofeedback bei Migräne-Patientin durch das Anbringen von Elektroden auf der Haut.

Viele Vorgänge laufen in unserem Körper ab, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Wir atmen, unser Puls schlägt und wir spannen unsere Muskeln an. Sie sind der Meinung, dass sich diese Körperfunktionen partout nicht willentlich beeinflussen lassen? Doch: Mit Biofeedback, einer wissenschaftlich anerkannten Methode der Verhaltensmedizin geht das.1 Inwieweit Biofeedback bei Migräne helfen kann, erfahren Sie hier.

Biofeedback bei Migräne: Die konkreten Ziele

Einsatzgebiete von Biofeedback gibt es viele, zum Beispiel Stress, Burnout, Schlafstörungen, Depressionen und Zähnepressen (Bruxismus) sowie eben auch Spannungskopfschmerzen und Migräne. Bei Migräne ist das übergeordnete Ziel des Biofeedbacks, den Anspannungszustand der Muskulatur durch gezielte Entspannung zu vermindern. Bei ausreichendem Training ist dies auch mit reiner Vorstellungskraft möglich, ohne wie beim Biofeedback an ein Messgerät angeschlossen zu sein. Generell gibt es beim Biofeedback keine Nebenwirkungen.2

Wie funktioniert Biofeedback bei Migräne?

Um die Technik zu erlernen, werden beim Biofeedback in schmerzfreien Intervallen der Migräne (englisch: biologische Rückkoppelung) Elektroden aufgeklebt: Je nachdem, was gemessen werden soll, am Kopf, im Nacken, am entsprechenden Muskel oder an den Fingerkuppen. Keine Angst, der Vorgang ist vollkommen schmerzfrei.

Mithilfe der Elektroden werden Körperfunktionen gemessen. Bei Kopfschmerzerkrankungen wie der Migräne stehen beim Biofeedback

  • die Kopfmuskelaktivität und/oder
  • der Pulsschlag im Fokus.

Die Messergebnisse werden sofort auf einem Monitor oder einem Messgerät in Form eines visuellen oder akustischen Signals angezeigt. Der Patient erhält somit eine unmittelbare Rückmeldung (Feedback) zu seinen Körperfunktionen, zum Beispiel darüber, ob seine Muskeln entspannt sind oder sein Puls ruhig und gleichmäßig ist. Im zweiten, noch wichtigeren Schritt, zeigt der Therapeut dem Patienten, wie er diese Körperfunktionen bewusst beeinflussen und in eine gewünschte Richtung lenken kann.

Methoden von Biofeedback: Migräne verhaltensmedizinisch vorbeugen

Es gibt mehrere, gesichert wirksame Verfahren, die bei der Vorbeugung von Migräneattacken Anwendung finden:3

  • Temperatur-Biofeedback: Stehen wir unter Anspannung, zum Beispiel bei Stress, spannen sich unsere Muskeln an und die Blutgefäße verengen sich. Mit der Methode soll eine Temperaturerhöhung der Handinnenflächen und eine bessere Durchblutung erreicht werden. Temperatur-Biofeedback eignet sich bei Migräne wunderbar dafür, dem Patienten zu zeigen, wie einfach er mit Gedanken und Bildern – zum Beispiel indem er daran denkt, im Urlaub in der Sonne zu liegen oder gerade ein heißes Bad zu nehmen – seine Körperfunktionen beeinflussen kann. Der Patient entspannt sich und kann durch Üben der Methode die Migräneattacken reduzieren.
  • Hautleitwert-Biofeedback: Bei innerer Anspannung bekommen viele Menschen schweißnasse Hände. Ziel des Hautleitwert-Biofeedbacks ist es, bewusst die eigene Schweißproduktion zurückzufahren und so den Parasympathikus, den Teil des vegetativen Nervensystems, der beruhigend und entspannend auf uns wirkt, vermehrt zu aktivieren. Zu erlernen, selbst Einfluss auf körpereigene Prozesse zu nehmen, kann auch auf die Migräne übertragen werden. Die Attacken können so verhindert oder ihr Verlauf deutlich abgemildert werden.
  • Elektromyografisches Biofeedback (EMG): Bei diesem Verfahren des Biofeedbacks bei Migräne wird die elektrische Aktivität von Muskeln gemessen; genauer gesagt des Musculus frontalis (lateinisch für Stirnmuskel) und des Musculus deltoideus (dreieckiger Skelettmuskel über dem Schultergelenk). Ziel des EMG ist es, sich zu entspannen und die Anspannung dieser Muskelgruppen gezielt abzubauen.

Auch beim Elektromyografischen Biofeedback geht es wieder darum, zu erlernen, Prozesse im Körper, die man bisher einfach hinnehmen musste, positiv zu beeinflussen.

Besondere Methode des Biofeedbacks für Migräne-Patienten während akuter Attacken

Es gibt auch ein spezielles Biofeedback-Verfahren, das bei der akuten Behandlung der Migräneattacke angewendet wird, das sogenannte Vasokonstriktionstraining. Dabei wird geübt, die Schläfenarterie bewusst zu verengen. Die Erfolge sind langandauernd, trotzdem wird empfohlen, alle sechs bis zwölf Monate noch einmal eine Sitzung zu besuchen, um den positiven Effekt beizubehalten.4

Was ist das Positive an Biofeedback?

Im Gegensatz zur alleinigen Medikamentengabe bei Migräne sind Patienten beim Biofeedback aktiv in die Behandlung oder die Migräneprophylaxe eingebunden – sie nehmen also eine größere Selbstwirksamkeit wahr. Mit Selbstwirksamkeit ist gemeint, dass der Patient davon überzeugt ist, aus eigener Kraft etwas gegen seine Erkrankung tun und damit auch positive Ergebnisse erzielen zu können. Kommt bei Migräne Biofeedback zum Einsatz, können die Schmerzen um 50 bis 60 Prozent gelindert werden.5

Doch etwas Geduld müssen Migränepatienten mitbringen: Meist sind 20 bis 40 Sitzungen nötig – es dauert ein paar Wochen, bis sich die ersten Erfolge vermelden lassen.6 Leider übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für das Biofeedback bei Migräne nicht. So kommen auf den Migräniker je nach Anbieter pro Sitzung zwischen 80 und 140 Euro zu.

Wann Biofeedback bei Migräne nicht geeignet ist

Es gibt Faktoren, die gegen die therapeutische Maßnahme Biofeedback bei Migräne sprechen: Nicht zum Einsatz sollte Biofeedback bei Personen kommen, die die rückgemeldeten Signale nicht interpretieren können, zum Beispiel bei Aphasie (erworbene Sprachstörung aufgrund einer Schädigung des Gehirns), oder wenn eine akute Psychose (schwere psychische Störung) vorliegt.7

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1 Kropp P et al: Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen zur Behandlung der Migräne. Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Nervenheilkunde. 2016; 7–8: 502-15.

2 Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. Abgerufen unter: http://www.dgss.org/patienteninformationen/psychologische-schmerzbehandlung/biofeedback/ (Stand: 25.10.2017).

3 Kropp P et al: Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen zur Behandlung der Migräne. Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Nervenheilkunde. 2016; 7–8: 502-15.

4 Nobis, Hans-Günter [Hrsg.]: Schmerz – eine Herausforderung, 22016, Springer, Berlin [u.a.], S. 123.

5 Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. Abgerufen unter: http://www.dgss.org/patienteninformationen/psychologische-schmerzbehandlung/biofeedback/ (Stand: 25.10.2017).

6 Ebd.

7 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 247.