Medikamentenübergebrauch: Was passiert, wenn man zu viele Schmerztabletten nimmt?

Mann schluckt eine Tablette und ist sich der negativen Folgen, die passieren, wenn man zu viele Schmerztabletten einnimmt, nicht bewusst.

Es klingt paradox: Migränepatienten schlucken Schmerzmittel, in der Hoffnung, die starken Kopfschmerzen damit einzudämmen. Bei einer zu häufigen Einnahme geraten sie allerdings in einen Teufelskreis, der geprägt ist von noch häufigeren – nun von den Schmerzmitteln verursachten –Kopfschmerzen. Mediziner sprechen dann vom medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Was passiert, wenn man zu viele Schmerztabletten nimmt, erfahren Sie in diesem Artikel.

Kopfschmerzen: Wenn Schmerzmittel schuld sind

Viele Migräniker möchten wissen: „Was passiert, wenn man zu viele Schmerztabletten nimmt?“ In vielen Fällen sind dann zusätzliche Kopfschmerzen die Folge. Bei der Beantwortung der Frage, warum überhaupt zu viele Schmerzmittel eingenommen werden, kristallisieren sich zwei Hauptgründe heraus:

  • eine veränderte Schmerzwahrnehmung
  • psychische Faktoren

Auf beides gehen wir im Folgenden ein.

Veränderte Schmerzwahrnehmung

In Deutschland gehören sie zu den am häufigsten verordneten oder für die Eigenbehandlung verkauften Arzneien: die Schmerzmittel.1 Bei Migräne ist es zwar sicherlich der falsche Weg, erst zu Schmerzmitteln oder speziellen Migränemitteln (Triptanen) zu greifen, wenn die Kopfschmerzattacke bereits in vollem Gang und unerträglich geworden ist. Auch die zusätzliche Einnahme von Medikamenten, die gezielt gegen die Migränesymptome Übelkeit und Erbrechen helfen, kann sinnvoll sein. Doch von einer übermäßigen und unkontrollierten Medikamenteneinnahme auf eigene Faust wird dringend abgeraten. Denn: Wenn man zu viele Schmerztabletten nimmt,

  • geht die Kontrolle über die Steuerung unserer körpereigenen Schmerzfilter verloren, wodurch
  • Schmerzinformationen ungebremst weitergeleitet werden.2

Das geht irgendwann so weit, dass sogar solche Schmerzsignale ans Gehirn weitergeleitet werden, bei denen die Reize nur gering ausgeprägt sind.3 Die übermäßige Schmerzwahrnehmung ist entstanden: Das Kopfschmerzleiden verschlimmert sich, die Kopfschmerzen treten häufiger und stärker auf. Die Betroffenen versuchen, dem beizukommen, indem sie noch häufiger und immer höhere Dosen von Medikamenten schlucken. Der Teufelskreis des sogenannten medikamenteninduzierten Kopfschmerzes ist entstanden.

Psychische Faktoren

Schmerzmittel sollten nicht erst eingenommen werden, wenn die Haupt-Kopfschmerzphase bereits auf Hochtouren läuft. Schmerz- oder Migränemittel präventiv oder voreilig zu nehmen, ist jedoch genauso wenig zielführend – wenn auch sicher nachvollziehbar. Migränepatienten entwickeln mitunter ausgeprägte Angstgefühle vor der nächsten Attacke. Sie fürchten zum Beispiel,

  • dass sie im Familien- oder Berufsleben ausfallen,
  • vorübergehend nicht für ihre Kinder sorgen können,
  • nicht an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen können oder
  • dass Konsequenzen seitens des Arbeitgebers aufgrund häufiger Fehlzeiten drohen.

In der Hoffnung, all das durch eine verfrühte und häufigere Medikamenteneinnahme umgehen zu können, kommt es zu einer Dosissteigerung, die über kurz oder lang wieder zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung führen kann.

Wann liegt ein Medikamentenübergebrauch bei Kopfschmerzen vor?

Das Problem ist kein unbekanntes: Circa 15 Prozent aller Kopfschmerzpatienten entwickeln irgendwann in ihrem Leben einen Medikamentenübergebrauch.4 Von einem Übergebrauch sprechen Mediziner, wenn

  • Schmerzmittel (Analgetika) an 15 oder mehr Tagen pro Monat oder
  • Triptane, Schmerzmittelmischpräparate oder die Kombination von Akutmedikamenten an zehn oder mehr Tagen pro Monat eingenommen werden.5

Schmerzmittelmischpräparate können sowohl schmerzlindernde als auch anregende oder beruhigende Wirkung haben.

Wichtig zu wissen: Um einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz zu verhindern, sollten diese Obergrenzen nicht überschritten werden. Versuchen Sie, wenn möglich, auf nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden auszuweichen. Nehmen Sie keinesfalls wochen- und monatelang Medikamente ein, ohne die Ursache der Schmerzen zu kennen oder einen Arzt zu konsultieren.

Was passiert, wenn man zu viele Schmerzmittel nimmt: Die Symptome

Bei einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz macht sich der Körper mit typischen Symptomen bemerkbar:

  • täglicher Dauerkopfschmerz (bei 80 Prozent der Betroffenen6)
  • Kopfschmerzen an mehr als 20 Tagen pro Monat (bei 20 Prozent der Betroffenen7)
  • Schmerzcharakter des Kopfschmerzes: dumpf-drückend oder sowohl dumpf als auch pulsierend

Die Kopfschmerzen können begleitet werden von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Vergesslichkeit, seelische Verstimmungen und Schlafstörungen.

Offene Kommunikation mit dem Arzt

In der Not und bei unerträglichen Schmerzen, die ein Migräneanfall mit sich bringen kann, ist es verständlich, dass Patienten versuchen, nach jedem Strohhalm zu greifen, der eine Linderung der Beschwerden verspricht oder zumindest vermuten lässt. Möglicherweise fällt es Ihnen auch schwer, gegenüber Ihrem behandelnden Arzt zuzugeben, wie häufig Sie tatsächlich Schmerzmittel einnehmen. Oder Sie können sich schlichtergreifend einfach nicht mehr genau erinnern, wann sie wie viele Medikamente eingenommen haben.

Bei Letzterem hilft das Führen eines Migränetagebuches, in das Sie Medikamente, Dosierung und Häufigkeit der Einnahme eintragen. Bitte halten Sie sich eines vor Augen: Niemand wird Sie verurteilen und gedankenlos als medikamentenabhängig abstempeln – nur wenn der Arzt Bescheid weiß, welche Medikamente Sie wie oft einnehmen, kann er bei Verdacht auf medikamenteninduzierten Kopfschmerz die richtigen Behandlungsmethoden in die Wege leiten. Die offene Kommunikation mit einem Arzt Ihres Vertrauens ist daher besonders wichtig.

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1 Stiftung Warentest; Abgerufen unter: https://www.test.de/Kopfschmerz-und-Migraene-Diese-Mittel-helfen-1400988-2400988/ (Stand: 17.10.2017).

2 Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen; Abgerufen unter: http://www.schmerzklinik.de/wp-content/uploads/2009/02/295-314.pdf (Stand: 24.11.2017).

3 Nobis, Hans-Günter (Hrsg.): Schmerz – eine Herausforderung, 22016, Springer, S. 7.

4 Göbel, Hartmut: Kopfschmerzen: Ursachen, Mechanismen, Diagnostik und Therapie in der Praxis, 32012, Springer, Berlin [u.a.], S. 126.

5 Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln; Abgerufen unter: https://www.dgn.org/leitlinien/2286-ll-57-2012-kopfschmerz-bei-uebergebrauch-von-schmerz-und-migraenemitteln (Stand: 17.10.2017).

6 Schmerzklinik Kiel: Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen; Abgerufen unter: http://www.schmerzklinik.de/wp-content/uploads/2009/02/295-314.pdf (Stand: 17.10.2017).

7 Ebd.